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Pfarrer Fritz Philippi !

Ein Brief der Witwe Fritz Philippis an den Chronisten Reinhold Kuhlmann Breitscheid.

Vorbemerkung: In der Gewissheit, daß mir niemand besser über Philippi Auskunft geben könnte als seine Lebensgefährtin, hatte ich mich mit einigen Fragen an seine Witwe gewandt, die sie mir bereitwillig auch gegeben hat, damit, wie sie selbst schreibt, " nichts Irreführendes in die Chronik kommt." Ich hoffe keinen Vertrauensbruch damit zu begehen, wenn ich ihren Brief hier im Auszug bringe.

Wiesbaden, d. 8.11.1935           Lieber Herr Kuhlmann!

     "Hasselbach und Wildendorn" ist 1902 gedruckt worden... Währ. uns. Wohnens in Br. waren die mir jetzt noch erinnerlichen "Evangelisten" der Bratscheder Wilhelm"(Weber) u. der "Kappeschneider" aus Barmen, außer den "Boten" des Herb.- Dillenb. Erziehungsverein.
Natürlich kam meinem Mann die Schilderung des "Lohnpredigers" daher, daß diese Herren die Pfr. so nannten, weil sie einen "Lohn" bekamen. Sie führten immer den falsch ausgelegten Spruch im Mund: "Umsonst habt ihr empfangen"pp. Daß die Herren wochenlang den Bauern im Futter saßen und nachher noch große Ranzen voll Nahrungsmittel mitnahmen, war ja kein Lohn. Daß so was den jungen, pflichteifrig. Pfr. schwer ärgern mußte, ist begreiflich.
Die Trübung des Verhältnisses zur Gemeinde war nur sehr kurz und auch nur teilweise. Viele waren ihm trotzdem unentwegt treu. Wenn das Buch nicht durch den damaligen Inhaber od. 1. Verkäufer des Kolportage-Vereins (jetzt Oranien- Verlag), dem mein Mann nicht fromm genug war, mit Absicht einigen Breitscheider Leuten mitgegeben worden wäre und es nicht im Winter war, wo sie die viele Zeit hatten, hätte kein Hahn danach gekräht.? Wo sich die Lehrer die Mühe machten, das Buch selbst den Leuten zu erklären u. nahe zu bringen, wie besonders in Rabenscheid, auch in Med. gabs überhaupt keine Empörung. -
Dr. Heber ( Direkt. d. Fabr.) kam im Jahr 1899. Natürl. fing Dr. Schick's Wut an, als wir diesen Freun= den die Treue hielten. Das ist aber in " Weiße Erde" wie in Wirklichkeit erzählt. Die Steine = werferei durch das Fenster in meines Mannes Studierstube, kam auch durch eine Kreatur des Dr. Sch., hing nicht mit den Büchern zusam... Es flog ein ganz dicker Stein, der einen hätte töten können, in die Sofaecke am Fenster, u. ein 2. bis hinter den Ofen... Aus dem Gottes = dienst blieb niemand, ( ?der Hinkelsgriffer" doch! K.), im Gegenteil, sie kamen noch in grö= ßeren Haufen, weil sie sich sagten: "hau sä'r e aut!" Das hat mein Mann auch ganz warheits= gemäß erzählt. Die "Frommen" waren seine treuesten Kirchgänger bis zuletzt. Es ist niemand in all der Zeit ausgetreten, im Gegenteil! Er hat verschiedene getauft.
Das die Versamm = lungsleute aus der Kirche blieben, kam erst unter Pfarrer Weyel ( 1912 ). Während meines Mannes Amtszeit war der Kirchenbesuch immer glänzend. Was glauben sie, daß ihn das Konsist in W. dort gelassen hätte, das ihm nie "grün" war, wenn bei ihm das Gemeindeleben nachgelassen hätte?!.. Das "Ding", das an der großen Fichte neben der Molkerei festgesteckt u. das ihm der Polizeidiener Kessler brachte- der es verfast hatte (Hrch. D. v. Med. einer aus der Versaml. K., ) fühlte sich getroffen durch irgend was. Es (das Gedicht) war aber in Wirklichkeit nicht so gut wie das im "Hirsekorn". Ihm ins Gesicht was zu klagen, wagte ja keiner, es ging alles hinten rum. Aber uns wirkl. was anzutun, selbst in der Dunkelheit, hat doch niemand gewagt. Wie gesagt, der Zorn war auch bald verraucht.- Dr. Heber (in W. E.: Karst) gingen schon offiz. i. Jhr. 1900 wied. weg, hielten ab. ihre Wohn.*/ u. erschien selt. mal wied. gz. kurz nach ei. läng. Abwesenh.
(Dr.) Sch. behielt s. Wut umsomehr, als er ja in der Verklagsache verurteilt wurde. Er hatte ja die Anklagen, (geg. Phil.) die er an den Dekan schickte, sämtl. aus der Luft gegriff... (Dr.) Sch. hatte so 19 Klagepunkte aus d. Luft geholt. Daraufhin wurde er vom Staatsanwalt auf Veranlassg. des Konsist, wegen Verleumdung des Pfrs. im Amt verklagt u. verurteilt.
Unser Dortsein wurde durch die Feindschaft des (Dr.) Sch. uns ja schließl. vergällt. Er hatte das halbe, ja allmähl. fast das gze. Dorf in Abhängigk. und rächte sich an den Leuten, die zu ihrem Pfr. hielten. Mein Mann hielt sich dann soviel wie mögl., den Leuten zu lieb zurück. Aber man mußte ja schließl. vor der Rachsucht dieses Mannes Angst kriegen. Als dann m. Mann in sein. alt. Gemeinde in Diez gewählt werden sollte, griff er zu, zumal die Kinder größer wurden und ja allmähl. auch in höhere Schulen sollten.

Seine Zeit da oben war wohl abgelaufen, u. es sollte eine neue Epoche beginnen (Zucht= hausleben). Wie schwer uns der Abschied wurde, wissen Sie; wir waren verwurzelt dort. Mir war Breitscheid eine erste, wahre Heimat geworden. Ich litt namenlos an Heimweh in Diez, trotzdem ich in Limburg geboren und meine Jugendzeit dort verlebt hatte. Mein Mann hat sein Verbundensein mit Breitscheid in der Skizze "Als ich meinem Schatten nachging". In dem Buche "Von der Erde u.vom Menschen") deutlich zum Ausdruck gebracht. Mir schenkte er in einem kleinen von ihm mit einer Westerwälder Landschaft bemalten Album mit Breitscheider Photos auch ein Gedicht: "Erinnerung hat ein Recht, doch nicht das erste Recht. Das erste hat die Gegenwart voraus pp".
Wie sehr ich immer und unentwegt an den Menschen u. der Landschaft da oben hänge, möchten Sie mir glauben. Die Westerwälder Art u. die Treue u. Anhänglichkeit, die die Freunde dort uns bewahrten, die weiß ich immer in großer Dankbarkeit zu schätzen. Daß das Schicksal mich hier so anbindet bei den nächsten Pflichten, dass ich nicht mal jedes Jahr zu Ihnen hinaufkommen kann, das ist mir manchmal bitter. Ich denke immer an die liebe, alte Heimat....Eine letzte Aufnahme meines Mannes lege ich Ihnen bei.. Nun seien Sie herzlich u. in alter Freundschaft gegrüßt von Ihrer

Elisabeth Philippi

*/ Dr. Heber (Karst) wohnte unten in der Schule, in der Dienstwohn. des Lehrers Kegel, der im Hause seines Schwiegervaters wohnte.
Der Steinewerfer (siehe vorige Seite) war ein Schulkamerad von mir; er hat die Tat offenbar aus Dummheit u. Übermut vollbracht und hat noch mehrere solcher Laus = bubenstreiche auf dem Gewissen. Philippi nahm sie auch nicht allzu schwer u. hat den Burschen laufen lassen.

Ein Brief Fritz Philippis.
(Geschrieben am 9. Febr. 1903 in Breitsch. an Theodor Zöllner, Rabenscheid)

Lieber Herr Zöllner! Sie haben allerdings Recht, ein Brief wie der Ihrige wiegt mir viel Kum= mer und Trübsal auf. Je größer die Zahl derer ist, die einen verkennt, desto teurer wird einem die kleine Gemeinde derer, die einen versteht. Es ist die bitterste Erfahrung meines Lebens, die ich in den letzten Wochen gemacht habe. Ich habe gedacht, nachdem ich bald 6 Jahre hier auf der Kanzel und unter meiner Gemeinde gestanden habe, hätte meine Gemeinde ihrem Pfarrer etwas schon ins Herz gesehen, und sie wüste, daß solche Bosheit und Schlechtigkeit mir nicht zu zutrauen sei. Es kann doch nicht einer aufstehen und sagen, daß ich ihn je un = freundlich behandelt hätte und nicht herzlich ihn aufgenommen und dennoch, was gegen den Pfarrer gesagt wird, wird unbesehen geglaubt.
Ich bin in dieser Woche unter meiner Gemeinde gewesen wie ein Hirte, den seine Herde aburteilt und verdammt, ohne ihn zu hören. Es ist keiner von den Verleumdern, die ich zu mir kommen hieß, gekommen. Man wollte ja nichts anderes, als mich verdammen. Diese Erfahrung ist mir um so schmerzlicher gewesen, als ich aus aller Welt Zuschriften erhielt voll Dank und Anerkennung für mein Buch, nur aus meiner Gemeinde empfing ich Schmähworte und Verfolgung. Doch nun habe ich's unter meine Füße gerungen. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Liebe, die Sie Ihrem Pfarrer erwiesen haben.
Erhalten Sie mir dieselbe. Nehmen Sie als Zeichen meiner Dankbarkeit das beifolgende Buch. ( Es war das Gedichtsbändchen "Aus der Stille")

Ihr Fritz Philippi, Pfarrer.

übersetzt aus der alten Handschrift durch Hans Henn

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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