blog  Kontakt  Hilfe  Impressum  Download
www.ge-li.de/blog/
 
www.alt-breitscheid.de/blog/  


Haus Nr. 105 Hannfileppse, Kopps - Alt-Breitscheid

Einen besonderen Reiz für uns Dorfjungen waren die gelegentlichen Besuche bei einem der Handwerker im Dorf, Schreiner, Schmied, Schuhmacher, Häfner oder Wahner. Jeder von ihnen hatte so seine besonderen Eigenarten, die wir natürlich genau kannten. Von jedem wussten wir, ob wir etwas dableiben und zuschauen konnten, oder ob wir uns dabei die Taschen zuhalten mussten wie beim, "ahle Nauhäuser", der uns heimlich ein Stück angekauten Kautaback in die Hosentasche steckte, oder auch beim Häfner, der aus einem Versteck mit Tonklümpchen nach uns warf.

Einer dieser Handwerker war "dr ahl Hamphlepp". Von allen im Dorf wurde er so genannt. Er wohnte nicht weit von unserem Haus und war auch der Großvater meines Schulkameraden Heini Kopp, der leider im letzten Krieg gefallen ist. Insgesamt hatte unser Jahrgang 12 Jungens.

Dieser Großvater war Schreiner und hatte seine Werkstatt im Haus, oben über der Wohnstube. Über eine schmale steile Treppe konnte man sie erreichen. Maschinen hatte er nicht, dafür war auch kein Platz. Hinter der Werkstatt, durch eine Bretterwand getrennt, stand sein Bett und ein einfacher Schrank. Draußen am Fenster dieses Raumes, nach der Straße zu, hing an einem langen Nagel, für jedermann sichtbar, sein irdener Nachttopf, ein Breitscheider Erzeugnis.

Unter diesen beiden Räumen war die Wohnstube in deren hinterster Ecke ein Bett und ein großer Lehnstuhl standen in dem zu meiner Kindheit immer eine alte Frau "Hampflepse Jahne" saß. Sie war die Mutter von Adolf und stammte von Erbenheim.

Außer dem Kochen spielte sich in diesem Raum mit den kleinen Fenstern das ge-samte häusliche Leben ab. Außer den beiden genannten Alten lebten noch Heinis Eltern mit zwei weiteren Kindern und ein damals noch unverheirateter Sohn Karl hier. Ein Zusammenleben war nur möglich wenn alle Verzicht übten. Nun, vielen Familien im Dorf erging es ähnlich.
Der Großvater, sein richtiger Name war Adolf Stahl, war verheiratet mit Henriette Zöllner aus Rabenscheid. Sie starb schon in 1897 im Alter von 48 Jahren, er blieb mit fünf Kindern zurück, war 46 Jahre alt. In Breitscheid in 1851 geboren, starb er auch hier 1935 im Alter von 84 Jahren. Sorge, Einsamkeit und Entbehrung haben ihn wohl zu dem verschlossenen, wortkargen und anspruchslosen Mann geformt, wie ich ihn in der Erinnerung habe.

Infolge der Beengtheit in seiner Werkstatt, vielleicht auch wegen des Alters konnte er nur noch einfache Arbeiten ausführen. Backeskiss und Schissel, die ja immer gebraucht wurden, hatte er stets vorrätig. Hacken-oder Axtstiele, oder ein einfacher Fleischschrank, alles Teile die nicht immer Ausstellungsstücke waren, dafür aber billig und für jeden erschwinglich waren, brachten ihm so viel ein, dass er davon leben konnte. Rente gab es nicht, seine Bedürfnisse waren, das ließ sich leicht erkennen, nicht groß.

Der Vollbart war wohl vom Pfeifenrauch und Kautaback so braun geworden. Fast immer hing an der Nasenspitze ein glasklarer Tropfen der sich bei seiner Arbeit oft im Bart verfing oder er fiel in die Hobelspäne am Boden. Für uns, seine jungen Zuschauer ein Grund ihn laut oder verstohlen auszulachen. Trieben wir es zu toll, konnte er auch mit einem bestimmten und schroffen "etz macht uch ab", auf die Straße verweisen. Abends, wenn er Hobel und Hammer aus der Hand gelegt hatte, ging er oft noch nebenan ins Gasthaus, trank seinen Klaren und spielte mit gleichaltrigen noch etwas Skat. Es war nie spät, wenn er dann heim ging und in sein Bett kroch.

War jemand im Dorf gestorben, machte meist "dr ahl Hampflepp de Looh" hier war sie am billigsten. Ein bisschen scheu haben wir Kinder uns dann an ihm vorbei gedrückt, wenn er vorm Haus unter dem alten Birnbaum den auf zwei Böcken stehenden Sarg zusammen nagelte, dieser alte verschwiegene Mann mit den verschwitzten breiten Hosenträgern und dem blaugestreiften Hemd. Hatte er alle Bretter vernagelt, wurde der Sarg innen mit Sägemehl und Hobelspänen ausgelegt, außen dunkelbraun gestrichen, die notwendigen Griffe angebracht und ins Trauerhaus befördert. Was mag dieser Mann wohl empfunden haben, wenn er einen ihm bekannten Menschen, vielleicht gar ein Kind aus seinem Dorf hineinbetten musste in sein letztes enges Haus? Er sprach wohl mit keinem darüber.

Immer noch meine ich ihn zu sehen, wenn er am Sonntag hinauf in die Kirche ging. Er hatte einen etwas schweren schleppenden Gang, wenigstens im Alter. Nein, er saß nicht in der vordersten Reihe, sein Platz war hinten, wo ihn wenige sehen konnten. Hier suchte doch dieser, auf uns Kinder so hart wirkende Mann seinen Zuspruch im göttlichen Wort, vielleicht auch Antwort zu Fragen die über seinem Lebensweg lagen.

aus dem Nachlass von Erich Weyel

 

 

o zurück zur Arbeit     zurück zum Haus 105     zurück zur Karte       o zurück zur Liste


home | blog alt-breitscheid
hausnamen || liste | karte | ansichten | flurnamen | familien |
geschichte || Geschichtstafel | chronik | karte | kriege | Höhlen | friedenszeit | ereignisse |
schulen || kirchweg | lick | neue schule | klassenfotos |
kirchen || evangel. | konfirmandenfotos | freie evangel. | katholische | pfarrer | kirchgeschichte | feg-entstehung | posaunen | kirchhof |
arbeit || rathaus | landwirtsch. | töpferei | haus | ton-ind. | post | a-dienst | bahn | verkehr | stein | wald | wirtschaften | arzt |
fritz philippi || fortsetzungsgeschichte | buch | über ihn | gedichte |
freie-zeit || vereine | feste | gedichte | spazieren | sport | feuerwehr | musik | hochzeiten | unbekannte Bilder
kinder || vor der schulzeit |

Hinweise zur Benutzung

höhle >
kontakt
anfahrt >
site map
download
impressum

Eine Gesellschaft hat keine Zukunft, wenn sie sich nicht an die Vergangenheit erinnert.
zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

Diese Seite "Alt-Breitscheid" wird von diesem Blog begleitet: http://altbreitscheid.wordpress.com/

Copyright 2008-14 G.Lingenberg.