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Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 129

1723

Auch das Gedächtnis der unglücklichen Kindesmörderin und Brandstifterin lebt in der Predigt naturgemäß wieder auf. "Von der feindlichen Begierde," heißt es, "einmal auf des Lasters Bahn gelockt, sank die Unglückliche immer tiefer in des Verderbens Abgrund, häufte Verbrechen auf Verbrechen, zu den Ausschweifungen der Wollust den Mord des eigenen Kindes, zu dem Morde die Brandstiftung." Solche Predigt befremdet uns, weil sie nur die eine Seite der Sache sieht - die Verderbtheit der menschlichen Natur, aber das Bestreben vermissen lässt, nach mildernden Umständen für die Verbrecherin zu suchen, und vor allem kein Wort der Missbilligung hat für die unmenschliche, geradezu satanische Grausamkeit, mit der die Strafe vollzogen wurde. Auch Frau Püsch-Spieß stößt sich an den Worten ihres Urgroßvaters und bemerkt dazu: "Wie im Jahre 1723, so gibt es auch 1823 noch kein Verständnis, kein Mitgefühl für die erschütternde Gretchentragödie; nur Verdammnis der Unglücklichen, die ihre Verfehlungen mit dem Leben bezahlen musste."-
(So die gebildete Frau von heute, die ihrer ins Dunkel gegangenen Mitschwester mit der Teilnahme des Verstehens mitfühlend gedenkt. Ja, es ist die Tat eines Gretchens in seiner irren Verzweiflung, wie sie Goethe in seinem "Faust" so ergreifend schildert. Auch der große Menschenfreund Pestalozzi hat sich um dieselbe Zeit mit der Frage des Kindermordes auseinandergesetzt. Er sagt, wir müssten innerlich den Leidensweg einer solchen Unglücklichen mitgehen und die Finsternis zu ergründen suchen, wie das Unmöglichste möglich wird, dass nämlich die sanfte, furchtsame, schüchterne Tochter, die vom Blut einer erschlagenen Taube erblasst, ihr Kind würget. Die Mutterliebe ringe hier mit der schauerlichen Not von Scham und Verachtung, auf das die menschliche Gesellschaft nur die Antwort durch den Henker zu geben wisse. "Du (Kindesmörderin) zernichtest dein Kind, das dir alles wäre, wenn es ungekrängt das deinige sein dürfte". Ungekränkt! Wir wollen nicht ganz mit dem großen Russen Dostojewski gehen, wenn er sagt, alle Verbrechen seien Gesamtschuld aller, aber ein großer Wahrheitskern liegt doch darin. Was hat das Dienstmädchen zur Kindesmörderin werden lassen? Das Vorurteil der Menschen, ihre leichtfertige Art zu richten. Sie würden im voraus geurteilt haben, das Mädchen verdammt haben, ohne die Umstände zu kennen, die es in den Fall brachten: "Was wird man in Breitscheid von mir denken, wenn mein Fehltritt offenbar wird?" -
Das war wohl der Gedanke, der die furchtbare Tat des Kindermordes bei dem Mädchen auslöste. Es fürchtete die lieblos richtenden Gedanken der Menge. So können die Gedanken anderer vernichtend auf empfindliche Gemüter wirken, und jeder Mensch hat eine hohe Verantwortung darin, wie er über andere denkt. Das Richten in einem solchen Falle können wir einem Höheren überlassen. Alle Großen hatten auch ein großes Verstehen solchen sogenannten Gefallenen gegenüber, weil sie, weit entfernt davon, der Unsittlichkeit und Lasterhaftigkeit die Stange zu halten, doch die mancherlei Einflüsse in Betracht zogen, die in der Stunde der Versuchung die letzten sittlichen Hemmungen durchbrachen, und weil sie auch wussten, dass, ach, allzu viele, die nun "so wacker

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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