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geschichtsübersicht
Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 202

Zwei Jahre später folgte ihnen der "Schulfritz" (ein Nachkomme des Schulmeisters Thielmann ) mit seiner Familie, der im "Bäuchen" am Tiergarten wohnte. Als "Schnierers" wieder fortzogen, schloß sich ihnen ein Mädchen von Heisterberg an. Die Mutter hatte es bis Hickenhain begleitet. Dann setzte sie sich unter die alleinstehende Buche auf der Hub, wartete und sah der Tochter nach, wie sie mit den anderen den Hüttenweg hinaufzog und endlich ihren Blicken entschwand: Ziehe hin in Frieden, die Mutter vergisst dich nicht! Ob die Auswandernden alle fanden, was sie erhofften? Ich weiß es nicht. Aber eins weiß ich: Als sie die Heimat verloren hatten, da wuchs sie ihnen erst ans Herz. Und je älter sie wurden, desto öfter und lebendiger tauchte ihr Bild in ihnen auf. Mancher, der sie hier achtlos durchwanderte, entdeckte ihre Schönheiten erst in der Fremde, und die Sehnsucht ergriff ihn wie einst Iphigenie, das Land der Heimat mit der Seele suchend, "wo die Sonne zuerst den Himmel vor ihm aufschloß, wo sich Mitgeborene spielend fest und fester mit sanften Banden aneinander knüpften". "Erst wenn man sie verloren hat, singt man von der Heimat," sagt Heine. ("Im schönsten Wiesengrunde" u.s.w.) In den Liedern liegt die Seele eines Volkes. Die deutschen Lieder hielten das Bild der Heimat lebendig, in ihnen kommt das tiefe Gemüt der Deutschen zum Ausdruck. Wie reich bist du deutsches Vaterland. Haltet euch nicht für arm, ihr Deutschen! Die wahren Werte liegen nicht auf stofflichem Gebiet, zählen nicht nach Geldmark!

1888. Manöver am Barstein; Einquartierung

In den Jahren 1884, 1888 und 1892 fanden Manöver auf dem Hohen Westerwald statt. Das von 1888 hatte den Barstein zum Mittelpunkt. Dieses habe ich noch am besten in Erinnerung, da ich es mit der ganzen Anteilnahme eines Zwölfjährigen erlebte. Breitscheid hatte vom 16. August bis zum 12. September Einquartierungen, zuerst Infanterie, danach auch Kavallerie und Artillerie. Neue Reize in dem stillen Westerwalddorf! Wir Schüler hatten an den Haupttagen zum Teil schulfrei; und die Alten beeilten sich im Feld und ließen dann auch an manchen Tagen die Arbeit ruhen, um dem Kriegsspiel beiwohnen zu können. Die Soldaten halfen in der freien Zeit, Versäumtes im Felde nachzuholen. So war das Verhältnis zwischen ihnen und ihren Wirten ein freundliches. Die Hausfrauen gaben gern her, was die Küche bieten konnte. Doch manchem verwöhnten Stadtkinde unter den Soldaten mochte der Tisch der damals noch armen Westerwälder wohl zu einfach erschienen sein, und in allerlei Versen machte sich der Soldatenwitz Luft. "Dickmilch gibt's in Rabenscheid, ho, ho, hoh, fast zu jeder Tageszeit, ho, ho, ho", so hieß es in einem längeren Lied. Wir Jungen waren immer dabei, wenn wir nur nicht die Schulbänke zu drücken brauchten. Wir gingen den zurückkehrenden Soldaten entgegen, waren die Zuschauer beim Appell, kurz, wir waren immer dabei, wo es etwas zu sehen und zu erleben gab. Wie selig waren wir, wenn wir mittags die Notenblätter halten durften, wenn die Regimentsmusik vor dem Pfarrhaus dem dort einquartierten Stabsoffizier ein Ständchen brachte!
(Das Biwak auf den "Rimplätz", links vom Gusternhainer Weg auf der Höhe (jetzt junge Tannenpflanzung), sah einen zahlreichen Besuch seitens der Zivilbevölkerung. (*)
Das Sedanfest wurde unter den alten Buchen in Breitstrut am Medenbacher Weg gemeinsam von Militär und Zivil gefeiert. Der Tanz dauerte bei Fackelschein bis tief in die Nacht hinein.
- Den Höhepunkt des ganzen Manövers und zugleich seinen Abschluß bildete ein größeres Gefecht im weiteren Umkreis des Barsteins, wozu wieder zahlreich die Zuschauer herbeigeströmt waren. Da kamen ängstliche Leute einige Male in Verlegenheit. Plötzlich Schnellfeuer aus der Gusternhainer Heck, dort ansprengende Husaren, drüben stürmende Infanterie - wohin flüchten? Zum Schluß endete alles in Wohlgefallen in einem prächtigen Parademarsch am östlichen Abhang des Barsteins.
- Pfarrer Schmaltz nannte diese Zeit in der Kirchen-Chronik "eine gar unruhige und für das Gemeinde- und kirchliche Leben gerade nicht heilsame Zeit." Er mochte recht haben. Aber für die Jugend war sie ein einziges großes Fest. Wie verödet kam uns das Dorf vor, als nun nicht mehr morgens in der Früh die in Erdbach und Medenbach einquartierten Truppen hier singend durchmarschierten und auch die uns so vertraut gewordenen Hornsignale zum Wecken und zum Zapfenstreich verstummt waren!

In 1888, nach dem Tode Kaiser Wilhelms (9. III) und Kaiser Friedrichs (16. 6.), wurde mehrere Wochen lang mittags von 12-1 geläutet.


*) Dieses Biwak (von "Beiwacht") war nicht in 1888, sondern in 1884!

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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