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geschichtsübersicht
Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 206

Die Pfarrer in Breitscheid in der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts (1854-1904).

Es sind zugleich die ersten 50 Jahre der hiesigen Gemeinschaftsbewegung, die Bickel 1854 jung hier vorfand. Vielleicht hat die freie religiöse, dem Vernunftglauben zugeneigte Einstellung Bickels die Verbreitung der frommen Versammlung begünstigt. Von den 5 Pfarrern dieses Zeitabschnitts war immer einer um den anderen der liberalen (freieren) Theologie zugetan, also Bickel, Hain und Philippi, während Wolff und Schmaltz rechts standen. So wurde immer ein gewisser Ausgleich geschaffen.

Ernst Bickel (1854-1865) war der letzte Pfarrer hier, der noch Landwirtschaft betrieb und eignes Fuhrwerk (Kuhfuhrwerk) hatte. Zu seiner und seines Nachfolgers Zeit hielt der Pfarrer noch keinen Religionsunterricht in der Schule, nur den Konfirmandenunterricht, und dieser dauerte erst von Fastnacht bis Pfingsten, wurde aber dann täglich gehalten. Bickel kam von hier nach Schönbach. Er starb 1898 in Dörsdorf als Pfarrer daselbst.

Heinrich Wolff (1865-1873), eines Bauern Sohn aus Rheinhessen, galt als strenger Pfarrer, der die Konfirmanden viel auswendig lernen und aufschreiben ließ. Überhaupt ist der "Kodissem" (Katechismus), der ein ziemlich großes Buch bildete, viel mißbraucht worden. Erst unter Philippi konnten die Konfirmanden in dieser Beziehung aufatmen. Meine Mutter gehörte zu den ersten Konfirmanden unter Wolff (1866). Ich höre von ihr, daß er ein ernster frommer Mann war, der viel in ihrem Elternhaus verkehrte und oft in der "Lichterstunde" Andacht dort hielt. Sein Hinneigen zum Pietismus erschwerte seine Stellung hier (einige Burschen betrugen sich unflätig gegen ihn), sodaß er es für gut fand, sich nach Emmerichenhain zu melden. Von dort kam er nach Weyer bei St. Goarshausen. Starb in Groß-Gerau.

Oskar Hain (1873-1886), Lehrerssohn aus Sachsen, war wieder mehr weltlicher eingestellt; die Leute meinten, es sei ein "A'vegot" an ihm verloren gegangen. Sein Einzug wurde groß gefeiert. In Kuhlmanns Wirtschaft war Musik und Tanz. (*) Unter Pfarrer Hain und seinem Nachfolger fand im Sommer um 6 Uhr eine Abendandacht statt, das "Owendgebät" genannt, die einen guten Besuch aufzuweisen hatte. Die älteste Frau des Dorfes sagt mir, wenns dann sonntags geläutet hätte, seien sie aus dem Wald zur Kirche geeilt. Philippi läßt Hain in der Erzählung "Der gescheitste Pfarrer" verheiratet sein. Er blieb aber unbeweibt. Von seiner früheren Stelle hatte er sich die Tochter seiner Kostleute mitgebracht, die ihm eine treue Haushälterin wurde und sein Leben lang bei ihm blieb. Sie überlebte ihn in Eppstein (wohin Hain von hier versetzt wurde und begraben liegt) und ist erst vor einigen Jahren über 90 Jahre alt gestorben, "Pärrners Trinchen". Auch einen Papagei hatte der Pfarrer, den ich als kleiner Knirps viel von der Straße aus bewundert habe.

Wilhelm Schmaltz (1886-1897) war im reiferen Mannesalter hier (um sein 50. Lebensjahr); ein geborener Westfale, brachte er auch den norddeutschen Ernst mit. Er hat mich konfirmiert, und ich habe ihn als einen aufrichtigen und pflichttreuen Seelsorger in Erinnerung. Vielleicht hat er den rechten Weg zu den Herzen der Breitscheider nicht eingeschlagen, und so gelang ihm die Einführung des neuen Gesangbuchs nicht, was Philippi nachher leicht erreichte. - In 1. Buch "Vom Pfarrer Matthias Hirsekorn und seinen Leuten gibt Philippi eine Charakterschilderung von Pfarrer Schmaltz, die im Großen und Ganzen zutreffen dürfte: "Pfarrer S... war ein Mann aus der alten Schule der "Rechtgläubigkeit" und nicht wurmstichig durch Freigeisterei. Er brauchte vor den Wildendornern nichts im Sacke zu behalten wie ein neumodischer Städter. ... Seine persönliche Neigung zur Zurückgezog. wurde bestärkt durch den Tod seines einzigen Kindes. Bei den Besten unter meinen Leuten bin ich später der sicheren Meinung begegnet, daß S... ein selten treuer Mann war, der sich viel Mühe antat, an den Armen und Kranken zumal. Aber er konnte sich nicht selber empfehlen und beliebt machen. Er erreichte mit seinem Ernst nicht, was mir als Zugabe in den Schoß fiel. So lebte er sich mit Wildendorn auseinander, weil er meinen Leuten in der Schwerblütigkeit zu ähnlich war. Seine vergrämte und eingeschüchterte Abgeschlossenheit wurde ihm als Hochmut ausgelegt, wenn er am Gartentor nicht stehen blieb und den Vorübergehenden nicht die Ansprache hielt. Er ging ins Haus, statt ihnen mit einer kleinen Münze eine billige Redensart zu spendieren: "Schön Wetter heut!" Oder: "Wollt Ihr Brüh (Jauche) fahren?" Verärgert zankte er auf der Kanzel die Gemeinde aus, die er so wenig kannte, wie sie ihn - und hatte zuletzt keinen Boden mehr im Dorf."


*) Es war üblich im Dorf, daß der Pfarrer bei seinem Einzug hier am Pfarrhaus empfangen wurde, mehr oder weniger feierlich. Dabei gab er dann den jungen Burschen etwas "zum Besten." Dann gings ins Wirtshaus zu Trunk und Tanz. Pfarrer Schmaltz machte Schluß mit dem Brauch. "Das hatte ich nicht erwartet, daß ich mit Böllerschüssen empfangen würde", sagte er vorm Pfarrhaus, und die Burschen warteten umsonst auf das Trinkgeld. Schmaltz stiftete aber dafür eine Volksbibliothek, die viel Freude und Segen brachte. Sein mutiges Verhalten kann nur gelobt werden.

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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