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geschichtsübersicht
Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann




(Seite 208)

mit seinen Gemeindegliedern ein ungetrübtes bleiben sollte, hatte Philippi auch von An=
fang an, nachdem ihn sein Dekan bei seinem Antrittsbesuche dort auf die eigenartigen Verhält =
nisse in seiner neuen Gemeinde aufmerksam gemacht hatte. Und auf seinem ersten
Gange hierher, "ins Hochland über Hub und Stieg" nahm er sich vor, " jedes Wort genau zu
überlegen und wie auf Eiern zu gehen," wie er später im "Matthias Hirsekorn" schrieb. Aber
wie schwer es dem Menschen fällt, sich zu beherrschen, weiß jeder ernst gerichtete und an sich
arbeitende Mensch. Die natürlichen Neigungen können wohl unterdrückt werden, bre=
chen aber immer wieder hervor, wenn sie nicht im Zaume gehalten werden. Und
Philippi übte diese Wachsamkeit nicht immer bei seiner dichterischen Betätigung. Ihm
lag, wie er selbst in "Hirsekorns Zuchthausbrüdern" bekannt, "das Unbekümmerte im
Blut": "ich nahm mich nicht genug zusammen." Und diese Charakterschwäche war es,
die ihm zeitlebens Schwierigkeiten in seinem Amte bereitet hat. Hier in Breitscheid
mußte es besonders der Fall sein. Man darf nun sagen, daß das Verhältnis zwischen
Philippi und seinen Leuten etwa in der größeren ersten Hälfte seiner hiesigen Amts=
zeit im allgemeinen ein gutes war. Er wusste sie besser zu nehmen als sein Vor=
gänger und sie waren ihm darum auch eher zu Willen. Auch Philippis freie reli=
giöse Einstellung erregte im allgemeinen keinen Anstoß. Es fiel der über=
wiegenden Mehrheit seiner Zuhörer nicht einmal auf,daß die religiösen Begriffe,
Gott, Christus, Himmelfahrt, Auferstehung, usw. in der Glaubenswelt ihres Pfarrers doch einen
anderen Sinn hatten, als in derjenigen, die ihnen von Jugend auf eingepflanzt
worden war. Als Kanzelredner von Format hatte Philippi auch immer eine andäch=
tige Zuhörerschar. Freilich wurde er von einem Teil derselben doch aufmerksam in seinen
Predigten beobachtet, nämlich demjenigen, der, von fremden Sektierern beeinflusst, gegen
die Kirche eingenommen war. Sie dachten noch nicht daran, sich von ihr zu trennen;
aber die Lage war im Verborgenen doch eine gespannte, und es bedurfte nur eines An=
lasses, um dies auch nach außen in Erscheinung treten zu lassen. - Was war nun bei
Philippi inzwischen vor sich gegangen? Er sah sich hier in eine "fremde, eigene Welt"
gestellt, die er liebte und kennen zu lernen suchte. Das gewaltige Naturerleben zog ihn
ganz in seinen Bann, und der für ihn so eigenartige Menschenschlag interessierte ihn aufs leb=
hafteste. Mit hellem Kopf und aufgeschlossenem Sinn machte er seine Beobachtungen. Er ent=
deckte dabei die große Kluft, die zwischen ihm und seinen Leuten bestand, besonders in
weltanschaulicher Beziehung. Von ernsten Auseinandersetzungen mit ihnen auf diesem
Gebiete war nichts zu erwarten, dafür waren sie noch nicht reif; der Pfarrer hätte es
nur tun können auf die Gefahr hin, den Graben zwischen sich und ihnen noch zu verbrei=
tern und vielleicht manches zu zerstören, was für sie doch Wert hatte. So litt er unter den Ver=
drängungen, die das "Hinten im Sack" Behalten, das ihm sein Dekan anempfohlen hatte, für ihn zur
Folge hatte. Ergreifend ist das Gedicht Philippis, "daß ich nicht bin, was ich bin"(siehe S.364 !) mit seinem Schlusse:
" Christ = Gott... ende die Pein, daß ich nicht bin, was ich bin." Als die Natureinsamkeit nun den
Dichter in ihm geweckt hatte glaubte Philippi im Reiche der Kunst frei zu sein." Die herbe Schön=
heit der Natur und die knorrigen Menschengewächse dort oben ließen mir keine Ruhe, bis ich
sie mir vom Leibe geschrieben hatte", so sah Philippi 20 Jahre später seine Lage um die Jahrhundert
wende in Breitscheid an, die Notwendigkeit für ihn, Zuflucht in schriftstellerischer Betätigung zu suchen.
Dieses "Muß" für den Dichter drückte er selbst in einem treffenden Bilde aus: "Es gibt Zeiten, in de=
nen der Mensch ist wie eine sattgetrunkene Wolke über Land, die sich ausgießt in stürzenden
Wassern, weil's ihre Stunde ist und weil sie eine Wolke ist. Und ich glaube, es wird den Wolken
leichter und tut ihnen wohl, wenn sie regnen dürfen und müssen ihre Last nicht weiterschleppen
über Berg und Tal, lange, lange Wege weit." Aber ganz abgesehen von den hier soeben aufgezeigten

( Zusammenhängen:
Fortsetzung auf Seite 211

aus der alten Handschrift übersetzt durch Hans Henn

 

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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