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geschichtsübersicht
Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann




(Seite 211 = Fortsetzung von Seite 208 Philippi)


Zusammenhängen: Phil. war ein Vollmensch in körperl.u.geistiger Bezieh., der mit seiner
Pfarrerarbeit, wie er selbst sagt, nicht hinreichend ausgefüllt war. So mußte er sich in der
Abgelegenheit uns. Dorfes vereinsamt fühlen. Der,"Wällerkranz",das Pfarrerkränzchen in
Driedorf, war nur ein schwacher Ersatz für einen Menschen, dem reger Umgang mit Men=
schen auf gleicher Bildungsstufe Bedürfnis war. Er wäre verkümmert hier, wenn er
nicht zur "Botanisiertrommel" gegriffen u. an dem Gesammelten sein Dichtertalent ent=
wickelt hätte.* Nun war aber Phil. Pfr. u. es ist die Tragik (die schicksalhafte Verkettung
von Umständen, die Leid bringen müssen) in seinem Leben gewesen, daß er einen Beruf hat=
te, der die freie Entfaltung seiner so eigenartigen dichterischen Veranlagung nicht
vertrug, besonders in seiner Westerwaldgemeinde nicht. Und wie hoch wir es auch
Philippi anrechnen müssen, daß er sich immer ganz gab, wie er war, daß er immer
als Mensch dem Menschen gegenübertreten wollte, hier waren diesen löblichen Bestre=
bungen Grenzen gesetzt.-- Daß er dies als junger Heißsporn nicht genügend beachtet
hat, ist seine Schuld geworden. Jung Stilling erzählt in seiner Lebensgeschichte von den
frommen Kreisen des Elberfelder Gebietes, die ihm in Glaubenssachen nahe standen: "Wer
im Geringsten anders denket, der ist Anathema (er sei verflucht), sogar, wenn sich einer
mit Schriftstellern abgibt." Wenn Jung Stilling diese Erfahr. machen mußte, wie vielmehr mußte es
bei Philippi der Fall sein, dem Freigeist in der engen Glaubenswelt seiner Westerw. Es zeigte sich auch
schon beim Erscheinen des Erstlingswerkchens Philippis, "Einfache Geschichten" (1899), worin er
sich zum ersten male als Dichter kleiner Volkserzählungen versuchte. Es enthielt die harm=
lose Erzählung "Rosmarin" über unsere alte Strickersche Luise Georg, die in meinem El=
ternhaus ihr letztes Lebensjahrzehnt wohnte und deren einfaches Leben für Philippi ein Hel=
denleben war, mit dem er sich dichterisch auseinandersetzen musste. Ich habe einen ausführ=
lichen Entwurf über diese Erzählung unserem Gemeindearchiv (Schule) einverleibt und
will hier nur von einem kleinen Erlebnis berichten, welches zeigt, wie die Aufnahme
von "Rosmarin" bei den Dorfleuten charakteristisch ist für ihr Einstellung Philippi gegen=
über und schon ahnen läßt, welches Schicksal eine weitere schriftstellerische Betätigung ih=
res Pfarrers erfahren würde. Ich war gerade in Ferien hier. Da begegnete mir eines
Tages "auf der Brück" "Martins Mile" (Philippi nennt sie später die "Herbergsmutter"). Sie sprach mich
an und erzählte mir kurz, Philippi habe in seiner Erzählung über "Fuchse Luwis" geschrieben (die
ein Holzbein trug), das einzige Neumodische an ihr sei das Gummibein gewesen, das ihr
aber nicht das richtige Bein ersetzen konnte, das aus der Herrgottswerkstatt gewesen war.
"Das baßt sich net fir'n Pärrner, su ze schreiwe", fügte sie abschließend hinzu, und ich
wusste, wie der Wind für Philippi hier wehte. Es hätte doch nach dem Erscheinen dieser Erzählung
auch Gutes von Philippi geredet werden können, etwa dieses: Es war hübsch von ihm, dass er
sich der Einsamen in ihrer Notlage annahm, sie ermunterte und überredete, doch ein Ruhege
halt von der Gemeinde anzunehmen, nachdem sie doch über 40 Jahre als "Strickersche" treu
gedient hatte. usw. Und hat er ihr nicht ein Heldenlied gesungen, das in den schönen Worten
ausklingt: "Ehre den Tapferen, die ihr Leben ließen fürs Vaterland....! Aber vielleicht noch größer
ist das unerkannte und stille Heldentum, das keine andere Waffe hat als Dulden und Leiden,
und das ein leidbeschwertes Menschenleben aufnimmt mit dem inneren Mut der Seele; den=
noch, trotz allem, in Gottes Namen! Einem solchen stillen Heldentum gibt die Welt
kein Ehrenkreuz und setzt ihm kein prunkendes Denkmal, aber der da droben spricht über ih=
nen: "Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Gaben"!

*) Ich muß dieses Urteil einschränken. Es gibt auch in kleinen Gemeinden ein weites Betätigungsfeld für einen Pfarrer, wo seine überschüssige Kraft in die verschiedenen Kanäle gelenkt werden können. (Der Buchstabe (u) bedeutet et cetera, ich habe usw. daraus gemacht !!)HH

ab hier Seite 212

aus der alten Handschrift übersetzt durch Hans Henn

seite-209 - seite-212

 

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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