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geschichtsübersicht
Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 221

Auch der "Napoleon", der als Gehilfe dem Bäcker Wäsch (im jetzigen Ecksteins Haus) zugewiesen war, machte sich eines Tages aus dem Staube. Noch einige weitere Ausreißer gab es; einigen gelang es auch, zu entkommen, andere stellten sich freiwillig irgendwo wieder. Im ganzen wurde das Ausreißen nicht zu ernst genommen. Der Russe Michel, der bei einem Bauern war, fühlte sich sehr wohl in Breitscheid. Er wurde krank und in einem besonderen Wagen, in Decken eingehüllt, zur Bahn nach Erdbach gefahren. Meine Mutter erzählte mirs, als er vorbeifuhr. Ich sagte zu ihr: "So behutsam und fürsorglich geht man mit unseren Gefangenen in Rußland nicht um. Dabei nennt uns die ganze Welt: Hunnen und Barbaren!

Die lebendige, unmittelbare Verbindung zwischen Kampffront und Heimat stellten die Urlauber dar. In bestimmten Zeiträumen kam jeder in der Kompanie "an die Reihe", auf Urlaub zu fahren. Wie freudig mochte das Herz der Breitscheider Krieger bewegt gewesen sein, wenn sie über "Gassen" nach langer gefahrvoller Abwesenheit wieder zum erstenmal die heimatlichen Gefilde sahen! "Werde ich dich jemals wiedersehen, die traute Heimat?", so hatte gewiß mancher gedacht, als er ihr beim Abschied einen letzten Blick zuwarf. Und nun sollte es doch wieder sein! Der Sohn war den Eltern auf Tage wiedergegeben, - von neuem geschenkt waren sich die Ehegatten, und die Kinder schauten freudig-bänglich zum Vater auf, der, "verbrannt und rau nach Kriegerart", nun endlich leibhaftig vor ihnen stand. - Wahre Feiertagsstimmung beseelt den Kriegern in den ersten Urlaubstagen:

"Nun ward der Traum von hundert wachen Nächten, die Sehnsucht endlos langer Tage wahr. -
Ich bin daheim! - O liebes lichtes Wunder! Als käm ich aus dem Grabe ist mirs immerdar.

Ich bin daheim! Weiß nun was Heimat ist. - Mein blondes Söhnlein spielt zu meinen Füßen,
Und meines Weibes Liebe geht und sorgt, mir jede Stunde fühlbar zu versüßen". (Bruno Großen.)

War die Stunde der Ankunft bekannt, so wurde der Krieger natürlich abgeholt. Ich sah, wie ein ganzer Schwarm von Kindern den Feldgrauen Wilhelm Enders den Erdbacher Weg herauf begleitete. Und überall im Dorf mußten die Krieger erst mal Rede und Antwort stehen, ehe sie den Fuß über die Schwelle ihres Heimes setzen konnten. Gern zeigten viele den Kriegern, daß sie sich bewußt waren, was ihnen die Heimat zu danken hatte. Manche luden sie zum Essen ein oder zum Glase Bier in der Wirtschaft. Da gabs dann viel zu erzählen! Auch einige Urlauber besuchten den Chronikschreiber. Der stille und treue Louis Diehl saß bei mir. Viel sprach er nicht. Die bange Ungewissheit, ob er je wieder aus dem grausigen Kriege heimkehren werde, lag drückend auf ihm. Er hat uns auch nicht wiedergesehen. Er meldete sich immer freiwillig auf Patrouille. Draußen auf vorgeschobenem Posten wurde er durch Kopfschuß getötet. Die Heimat wird ihm seine Treue nicht vergessen. (F= siehe auch S. 230 oben) - Dann der Louis Lehr, unser Barbier. Jedes mal besuchte er mich auf Urlaub. Allzeit gut aufgelegt, kamen keine düsteren Todesahnungen an ihn heran. Ein Telegramm rief ihn ans Sterbelager seiner Mutter. Er kam zu spät - auf dem Friedhof in der Leichenhalle konnte er sie noch einmal sehen. Seinen letzten Urlaub hatte er, als die Schlacht an der Somme tobte. Wie herzlich drückte er noch seine 2-jährige Elli an sich, als er Abschied von mir nahm. Er wußte, daß er jetzt gerade in die Hölle an der Somme hineinmusste. Aber keine Verzagtheit, kein Sinken der Stimmung! Schon nach wenigen Tagen fiel er bei Guedecourt. Er ist eigentlich auch zu den "Freiwilligen" zu zählen. Denn ursprünglich den "Schippern" zugeteilt, meldete er sich freiwillig

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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