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geschichtsübersicht
Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 235

Frau empfing mich an der Haustüre und eröffnete mir, ihr Mann läge dauernd im Bett in der oberen Stube, sie ließe aber keinen fremden Besucher mehr zu ihm. Er erzähle sonst gern aus vergangenen Tagen, käme dann auch auf die Inflation zu sprechen, in der er so viel Geld verloren habe, und das rege ihn immer wieder auf. (Danach hatte der gute "Alte vom Walde" es damals noch nicht zur rechten Meisterung des Lebens gebracht.)

- Der alte Theodor Zöllner, Rabenscheid, hat genaue Aufzeichnungen aus dem Jahre 1923 aus der Welt des Westerwälder Bauern hinterlassen, aus denen hier einiges gebracht sei.

1923, März 4: Gestern haben Metzger einen fetten Lipper hier abgeholt und mir eine Millionzweihundertneunzigtausend Mark auf den Tisch gezählt. - Kaffee hat man in früheren Jahren noch nicht gekannt. Morgens wurde Haferbrei gegessen. Statt des Kaffees brannte man Frucht (Korn oder Gerste) mit einem Zusatz von gebrannten Rüben. Jetzt in der Teurung wird wieder Frucht gebrannt, das Pfund Kaffee kostet jetzt 14000 Mark und ½ Ciiuri 500 (Ciiuri = Zichorie; ein Päckchen Zichorie wurde in meiner Jugend "ein Ding deutsche genannt", nämlich deutschen Kaffee, nicht ausländischen).

April 30: "Auf der Viehweide ist Kultur getrieben worden (Meliorationen), Sträucher und Hügel sind beseitigt worden.

Die Stunde ist mit 1000 Mark bezahlt worden; der Haufe Reiser ist bis zu 100 000 Mark bezahlt worden.
- Juni 16: Vor 8 Tagen sind 10 Kinder aus dem besetzten Gebiet in unser Dorf verteilt worden. Die Einzelheiten der Vorgänge, die Gewalttätigkeiten der Franzosen, das kann die Feder hier nicht schildern; man darf nicht darüber nachdenken, sonst wälzt sich einem das Herz im Leib um. - Nun soll noch alles aufs Hundertfache erhöht werden. Für ein Hemd werden 25- 30000 Mark bezahlt. Das Kleingeld ist fast all verschwunden... Tausend Mark muß als Kleingeld betrachtet werden. Diese Woche ist der Gemeinde-Bullen verkauft worden für 8 ½ Millionen Mark.
- August 5: Man hat schon immer gesagt: Alles hat seine Grenze, jetzt ist doch der Höhepunkt erreicht; aber wie hat man sich getäuscht! Wenn man jetzt den Schornsteinfeger von einmal zu putzen zehntausendfünfhundert Mark zahlen muß, das ist doch allerhand... Für ein 8 bis 14 Tage altes Kalb werden 2-3 Millionen gelöst. Fleisch und Wurst sind fast nicht zu bekommen. Ein Paar Mannesschuhe 6-7 Millionen, der Wagen Heu an 2 Millionen. - August 19: Ein Paar Schuhe 12 Millionen, das Pfund Butter 1 Million. Es verdient der Arbeiter pro Schicht jetzt 2 ½ Millionen Mark. Mein Sohn Theodor brachte vorgestern einen 50 Millionen-Schein, den sich 6 Mann teilen mußten. Diesen zu wechseln, mußte mein Sohn nach Haiger fahren.
- September 26: Hefe zu einem Kuchen 1 Million, 1 Pfund Zwetschen 1 Million, das Vieh wird jetzt nach Milliarden verkauft.
- Oktober 20: Das Elend wird jetzt voll, wo die großen Betriebe stillgelegt werden; auch die Tonindustrie Breitscheid hat auf 4 Wochen gekündigt.
- Oktober 23: Es kostet heute ein Laib Brot 5 Milliarden. Der Lebensunterhalt wird für jeden so teuer, daß man nicht auskommen kann. Unser Lehrer Landmann ist schon einen Monat auf die Grube nach Breitscheid gegangen.
- November 4: Die Frucht ist zwar gut, reicht aber nicht bis zur nächsten Ernte, zumal man von den Müllern sehr übers Ohr gehauen wird. Für Geld kann man fast nichts mehr bekommen, nur gegen Tausch. Für Butter kann man alles haben, es kostet das Pfund 30 Milliarden.
- November 11: Die Billionenscheine sind im Umlauf.
- November 18: Man kann für sein Geld nichts mehr bekommen. Wenn man das Papiergeld herumfliegen sieht, weiß man nicht, was man dazu sagen soll. Seit einem Jahr sind Verhältnisse eingetreten, die ans Unglaubliche grenzen.
- November 21: Schuhe kosten 12 Billionen, 1 Bettuch 5 Billionen.
- Dezember 2: Es soll jetzt wertbeständiges Geld eingeführt werden; diese Woche habe ich das erste gesehen, Dollarschatzanweisungen. Man spricht von Gold- und Rentenmark.
Dezember 7: Wir beide alten Leute können uns für unser Geld nicht ein einziges Hemd kaufen. -

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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