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Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 259

1930

die Großmutter nahm, machten die jungen Leute nicht Anspruch auf ein besonderes Zimmer, es genügte ihnen, wenn sie nur das neue Bett (der Bräutigam stellte die Bettstelle, die Braut das Übrige) im Hause der Schwiegereltern einstellen konnten und den Kasten. Das baldige Heiraten nach der Verlobung (den "Winkoff") galt als selbstverständlich u. war als das Natürlichste auch das Gesündeste. - Alles zu seiner Zeit! Was hätten vor 70 Jahren die Bauersleute noch viel mit einem Sopha, abgesehen von den Zeiten der Arbeitsunfähigkeit im Alter, anfangen sollen? Kommen sie heute nur wenig drauf, so damals noch viel weniger, es sei denn, sie hätten getan, wie eine Frau in Medenbach.

Als unser Kirchenschneider sie einst besuchte (es war die kinderlose Frau des "Jakob", der als Prozesser bekannt war), saß sie auf dem Sopha und putzte - Kohlraben. Seiner Verwunderung darüber Ausdruck gebend, sagte er: "Ei, dau butzt jo die Kohlrowe uffen Sopha!", worauf sie entgegnete: "Jo, wann will a(i)ch sonst druff komme, wann net beim Kohlrowe butze!" (den lachenden Erben aber schöne Sofa hinterlassen, ohne es selbst benutzt zu haben, das wollte sie auch nicht. -

Die geplagten Bauernfrauen in früheren Zeiten auf dem armen Westerwald! Vor 60 - 70 Jahren noch das Dreschen mit den Flegeln, dann bis zum Aufkommen der großen Dreschmaschinen an der Mühle (1899 gebaut!) das Dreschen mit den Maschinen mit Handbetrieb (die in die Tennen gefahren wurden), welches beides sich bis Weihnachten hinzog und wobei natürlich die Frauen mithelfen mussten, dann nach Weihn. das Spinnen, Weben, Stricken ec., dazu kleinere Arbeiten, die heute ganz weggefallen sind, wie das Putzen der Petroleumlampen (die in den 1860er Jahren aufkamen) und der Stall-Leuchten, Holen des Wassers am Brunnen ec.

Nun hat sich das Dasein unserer Frauen freundlicher gestaltet, und auch in ihrem Machtbereich, den Häusern, ists freundlicher geworden. - Es ließe sich noch viel über das Einst u. Jetzt hier sagen, aber wir wollen abbrechen. Unser Geschlecht hat eine so sprunghafte, geradezu fabelhaft erscheinende Entwickelung erlebt, wie sie noch nie zu verzeichnn war. s sei nur an das Verkehrswesen erinnert u. an die Erfindungen auf dem Gebiete der Elektrizität. Im Radio können die Dorfbewohner jetzt am Karfreitag die Matthäuspassion von Bach hören! -

21.Jan. Eröffnung der Postauto- Omnibuslinie Herborn Marienberg über Br.

Am Tage vorher Freifahrt der Bürgermeister im geschmückten Wagen. Die Wagen sind sehr schlecht besetzt, sodass es fraglich ist, ob die Einrichtung sich halten lässt. - ("Wegen Unwirtschaftlichkeit" ging die Linie am 10/7. wieder ein) Im März Pflanzen der Bäume u. Sträucher auf dem Stück der Pfarrwiese, das zum Spielplatz der Schulkinder diente. Eine Linde pflanzte Pfr. Bars! Sie sollte den christlichen Versammlungen daselbst Schatten spenden. x) Zur Zeit steht noch eine Linde bei Schäfers Haus. Wie alt sie ist? Zu einem deutschen Dorf gehören Linden. Nicht die Eiche, sond. die Linde war ursprünglich der Baum der Deutschen, das Sinnbild für Kraft u. Heldentum. Sie war den Göttinnen Herka und Holda geweiht, den Lindengöttinnen. Und in der christlichen Zeit wurden an der heidnischen Opferstätte, der Linde, mit Vorliebe die Kirchen errichtet, und auf den Kirchhöfen pflanzte man über den Gräbern Linden. - Um die Linde im Dorf wurde auch der Maientanz aufgeführt. Zu allen Zeiten ist die Linde in der deutschen Dichtung besungen worden. -

x) Von 1931 ab haben aber keine Versammlungen mehr auf der Wiese stattgefunden wegen der Störungen durch Motorräder.

19.Dez. 1934: Wir ersetzten heute die Linde, deren Standort von Pfr. B. ungünstig gewählt worden war, an die Einfahrt in die Nähe des Brunnens. "Am Brunnen vor dem Tore ...." -
Reinhold Lupp hat sich der Arbeit gern unterzogen. - Möge die Linde mit unserem Dorf glückl. Zeiten erleben!

gl

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Eine Gesellschaft hat keine Zukunft, wenn sie sich nicht an die Vergangenheit erinnert.
zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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