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Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 264

1930

Der Heisterberger Weiher übt in diesem Jahre, nachdem sein Damm wieder (22.6.) instant gesetzt worden ist, eine Anziehungskraft auf die Wander- und Wassersports- Freunde in nah und fern aus, wie nie zuvor. Welch Leben und Treiben dort am 2. Pfingsttage! Hier lagerten malerisch die Gruppen der Wandervereine, Pfadfindergruppen aus Frankfurt, Wetzlar, Betzdorf, Dillenburg, Herborn, oder Wandervögel, wer weiß woher, die schon seit Tagen in ihren Zelten wohnen. Auch die Heilsarmee war dort. Ebenso trafen sich am 2. Feiertage dort die Männer - und Jünglingsvereine des Dillkreises. Viele Schaulustige strömten hin, und auch unser Dorf war an dem Nachmittag wie ausgestorben. Sogar Leute von hier, die den Weiher noch nie gesehen hatten, eilten zu ihm. Anderen Tags gabs dann zu erzählen, denn solch ungeniertes Badeleben, war den wasserscheuen Westerwäldern etwas ganz Neues. Paulse - Stohls Luwis (in den 60er) tut "Boje-Läch" (beugt sich vor Lachen) als sie mir über das Geschehene berichtet. Doch die Leute lernen auch hier umdenken.

Unser Pfarrer fuhr am Freitag nach Pfingsten mit dem Jünglingsverein im Mühlauto zum Weiher und badete selbst mit.
Um die Geschichte des Weihers ists still, niemand weiß viel um ihn. Nach Vogel (Geschebg. des Hertzogtums Nassau S.47) hat ihn der Fürst Wilhelm von Nass.Dill. um das Jahr 1716 angelegt. Welche Urkunde Vogel als Quelle gedient hat, ist nicht bekannt. Das Staatsarchiv in Wiesbaden teilte mir auf eine Anfrage mit, daß dort nichts über die Sache zu finden sei. Wahrscheinlich hat der Fürst den Weiher als Fischweiher zum Besten seiner Hofküche anlegen lassen und zugleich die Unterstützung der Mühlen des Amdorftales (Schönbach, Uckersdorf) in trock. Zeit als Nebenzweck im Auge gehabt. Die Kostenfrage fiel bei der Verpflichtung der "Untertanen" zum Frondienst nicht sehr uns Gewicht. Um 1842 war der Weiher, beinahe 40 Morgen groß, heute werden 43 Morgen angegeben.

Die letzen 2 Jahre war er leer, der Damm war undicht und ist ausgebessert worden. Man sah die Rinne des Bachs in der Mitte und nördlich von ihr im Weihergrund eine Quelle springen. Für unser Dorf, wie auch für die anderen in der Nähe liegenden, hat der Weiher durch das Schafwaschen daselbst Bedeutung erlangt. Fürs Baden und Schwimmen kam er früher weniger in Betracht. Unglücksfälle (25.6.) dort kühlten die Begeisterung dafür immer wieder ab; dazu kam früher die Ungunst der Verkehrsverhältnisse. Im Jahre 1901 ertrank der 20-jährige Robert Küster von hier daselbst; vor einigen Jahren ein Kind (Junge) aus Heisterberg und gestern Abend, am Sonntag den 22.6., der Kriegsbeschädigte, Sekretär bei der Oberförsterei Driedorf, namens Knobel, im Beisein seiner Frau.

30.Juni die Befreiungsfeiern am Rhein!

Nachts 12 Uhr hörte ich im Radio die Rede des Mainzer Oberbürgermeisters "Freiheit, Freiheit!" begann er. Und am Sonntag darauf die des Oberhauptes von Münster am Stein, anfangend, wir sind frei!" Und wie oft und wie begeistert sangen die Rheinländer: Deutschland, Deutschland, über alles! Der Druck der Fremdherrschaft hat ihnen Heimat und Vaterland wieder ans Herz wachsen lassen.

Bei den Hindenburgfeiern nachher stellte unser Hauptlehrer seinen Lautsprecher uns Fenster und die Bauern konnten Hindenburgs Rede zum Teil hören, auch den Kinderjubel als sie im Fildchen hackten, auf der hintersten Gewann konnte mans hören, erzählte mir einer. Das Unglück in Koblenz (etwa 38 Pers. ertranken bei dem Brückeneinsturz) bereitete dann den Hindenburgsfeiern ein jähes Ende.

übersetzt i.A. Robert Petry

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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