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geschichtsübersicht
Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 265

1930

10.Juli: Einstellung der Postautobusfahrten Herborn - Marienberg über Breitscheid wegen zu geringer Benutzung. Das Fahrgeld (1 Mark nach Herborn) war zu hoch. Bei niedrigerem Satze hätte die Post bessere Geschäfte gemacht. Da die Gemeinden keine Zuschüsse leisten wollten, auch die Post nicht zu billigerem Preis fahren zu können glaubte, so mußte die Sache eingehen. (Es waren große Verkehrsautos)

14.Sept. Reichstagswahl: Unsere Chronik kann und soll nicht über jede Wahl berichten, aber die diesjährige Reichstagswahl verdient doch besonderer Erwähnung. Bemerkenswert ist das starke Anwachsen der nationalsozialistischen Partei (Hitler). Sie erhielt 200 (zweihundert) Stimmen, die Christlich Sozialen 165, die Kommunisten 3 St. Auf gesetzlichem Wege will die Hitlerpartei weitere Macht gewinnen und dann mit der seitherigen Politik, besonders der Außenpolitik (keine Zahlungen mehr an die Gegner) brechen. Nie ist es einem so zum Bewußtsein gekommen wie jetzt, daß die Völker selbst ihres Glückes Schmied und ihres Unglücks Ursache sind, und daß auf jedem Deutschen z.Zt. eine ungeheure Verantwortung liegt. Wir stehen vor einem Wendepunkt in der deutschen Geschichte. Jetzt möchte man noch jung sein und Aussicht haben alt zu werden, um erleben und beobachten zu können, wie die Politik der Nationalsozialisten, die auf Biegen oder Brechen ausgeht, noch einmal ausläuft, ob zum "Heil" (so lautet der Gruß der Partei) oder zum Unheil.
Eine weitere bange Frage ist, ob der Kommunismus Moskaus weiteren Boden in Deutschland gewinnen wird.

Im November nahm ein junger Kommunist aus Herborn an einem Morgen die Gelegenheit wahr, als die Arbeitslosen aus Breitscheid, Erdbach, Schönbach und Gusternhain vom Stempeln bei Martins Louis kamen, so sammelte er sie an unserem Garten am Erdbacher Weg und hielt eine Rede an sie in der er, die gegenwärtige wirtschaftl. Notlage benutztend, sie für die kommunistischen Ideen einzufangen suchte. Die Versammlung hörte ihn ruhig an, nur ein junger Nationalsozialist suchte ihn dadurch zu stören, daß er sein Motorrad in nächster Nähe für kurze Zeit spektakeln ließ.
Der Erfolg war gering: Nur einige wenige Arbeiter ließen sich am Schluß aufschreiben. Unsere Arbeiter denken doch zu nüchtern, um von Moskau das Heil zu erwarten.

Am 16.Dezember verunglückte der 31-jährige Ernst Kolb (Zöllners am Kirchenweg) tödlich auf der Grube. Im November war ein Teil des Stollens unweit der Fabrik, am Vietrieb bei der Schutzhecke zusammengebrochen. Darüber sammelte sich das Wasser. Bei den Aufräumungsarbeiten brach das Wasser unerwartet früh durch, einige Mitarbeiter retteten sich in einen Seitengang. Den Ernst Kolb aber riß die Gewalt des Luftdrucks und des Wassers mit und er wurde als Leiche nachher im Freien gefunden. Ob er ertrunken oder erstickt ist, war nicht festzustellen.

Bei der Weihnachtsfeier der Alten im kirchlichen Vereinshaus gab der 81-jährige blinde Veteran Rud. Thielmann Erinnerungen an den Heiligen Abend vor 60 Jahren, als sie vor Paris auf Posten standen, zum Besten. Dabei trug er auch ein Gedicht vor, das ein Kamerad von ihm auf Vorposten am Heiligen Abend gedichtet hatte; es war seinen Lieben in Deutschland gewidmet und hatte die Sehnsucht nach ihnen und der Heimat zum Inhalt.

31.12.1930
Ein für den gesamten Heimatbezirk in verkehrs- und noch mehr arbeitsmarktpolitischer Hinsicht bedeutungsvolles Projekt ist die

Fortführung der Eisenbahnlinie Haiger-Langenaubach

zunächst bis Breitscheid. Die Verhandlungen darüber ziehen sich nun schon einige Jahre hin. Im Sommer schienen sie in ein entscheidendes Stadium zu treten, als eine Besichtigung der geplanten Bahnstrecke durch drei Direktoren der Reichsbahnhauptverwaltung und dem Präsidenten der R.B.D. Frankfurt stattfand. Gegenwärtig ist die Reichsbahn mit einer Nachprüfung der seinerzeit aufgestellten Rentabilitätsberechnung beschäftigt. Aber selbst wenn man in dieser Beziehung mit einer günstigen Entscheidung rechnen will, so bleibt immer noch die große Frage offen, ob das benötigte Baukapital, das größtenteils auf dem Anleihewege beschafft werden soll, zu haben ist. Nach den bisherigen Erfahrungen und wenn man sich die allgemeine Wirtschaftslage vergegenwärtigt, wird man hinter das ganze Bahnbauprojekt ein großes Fragezeichen setzen und es jedenfalls bezweifeln müssen, ob das Jahr 1931 die Erfüllung unserer diesbezüglichen Hoffnungen bringt.

übersetzt i.A. Robert Petry

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Eine Gesellschaft hat keine Zukunft, wenn sie sich nicht an die Vergangenheit erinnert.
zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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