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Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 310

war die Nachbarschaft von Schäferjakobs Lies und Mine. Kaum hatten wir zwischendurch ein Auge voll Schlaf gefunden, krachte es wieder wie neben unserem Bett: Bum, Bum, Bum!... Donnerschläge geschahen, daß die Scheiben zitterten. - Der gute Schwiegervater! Er kam am Morgen übernächtig zum Vorschein: "Mathias das war Dynamit!" Ich aber sollte vor meinen andächtigen Ruhestörern eine erbauliche Neujahrspredigt halten! Das vermochte ich nicht. Denn unvorhergesehen war statt meiner der Kirchengickel vom Turm herab auf die Kanzel gestiegen und krähte pfarrherrlich in heller Wut: "Ihr Wildendorner, das war eine Heidennacht!"

Fastnachtsgebräuche.

Nach der Kirch.-Chronik ist jahrzehntelang im vorigen Jahrhundert das Bergmannsfest hier begangen worden. 1895 wird bemerkt, "daß jedesmal den Montg vor Fastnacht ein besonderer öffentlicher Gottesdienst für die Bergleute hiesiger Kohlengrube gehalten wird, welcher vom Herrn Landesbischof sanktioniert ist und auch in diesem Jahr wieder von sehr vielen Gemeindegliedern besucht wurde. Erhalten hat sich von dem Bergmannsfeste längere Zeit noch die Feier im Wirtshaus am Fastnachtsdienstag. Der Besitzer der Grube hielt dort die Bergleute frei. In meiner Jugend (in den 1880er Jahren) saß dann Hennings Wirtsstube gestopft voll. Die Bergleute trugen damals noch die Bermannstracht.

Der "ahl Hisge" (Der erste Hisge hier), der Steiger auf der Gusternhainer Grube war, wurde dann von seinen Bergleuten mit Musik hier abgeholt. - Als unsere Grube an die Fabrik überging (1903), war es vorbei mit der Spende.*) - Die Holzsteller gingen an Fastnacht auch früher heim und leisteten sich einen Trunk im Wirtshaus. -

Abends wurde dann die Spinnstube "versoffen". Zunächst ging die Jugend ins Wirtshaus, dann dahin, wo die Spinnstube gerade gehalten wurde. Die Jungen spendeten Bier und Branntwein, die Mädchen Kaffee und Kuchen. (das sogenannte "Stielding", das seinen Namen hatte von der Backform, die einen Stiel, Griff, hatte. So war der Fastnachtstag noch mehr ein Feiertag fürs ganze Dorf. Auch (mittags) wurde besser gegessen. Mittags gabs meist Kalbsbraten, dann wurden an dem Tage, wie auch heute noch, Kräppel gebacken, "Kniffcher" genannt. -
Die Fastenbrezeln hatten früher größere Bedeutung bei uns als heute, schon deshalb weil jetzt die Hausfrauen allsonntäglich Kuchen backen, als wollten sie irgendein Fest feiern. Wie kann da noch eine Brezel viel in die Wagschale fallen! Die besten Brezeln waren die Herborner. Unsere Voreltern deckten sich damit ein auf Monate hinaus und hingen sie im Kleiderschrank auf. Für 5 Pfennig erhielt man eine größere Brezel als heute, sie schmecktenn auch besser.


*) 1837 heißts vom Bergmannsfest in der K-Chronik "Auch diesesmal gab die Gewerkschaft einen preußischen Thaler für die hiesigen Armen."

übersetzt i.A. Robert Petry

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Eine Gesellschaft hat keine Zukunft, wenn sie sich nicht an die Vergangenheit erinnert.
zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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