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geschichtsübersicht
Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 362

Fritz Philippi:

Aus "Vom Pfarrer Mathias Hirsekorn und seinen Leuten. (1924, Leipzig F.F. Weber)

(Vorbemerkung des Lehrers i.R. Wilhelm Becker = Ohligs: " Dies Büchlein ist wohl unter allen seiner Westerwaldgeschichten am besten geeignet, Philippis Leben und Lieben, Wollen und Wirken, Denken und Dichten während seiner 7 Westerwaldjahre kennen und würd. zu lernen. Als gereiften Mann von 50 Jahren läßt er uns hier sein Erlebnis auf dem Westerwald noch einmal in offener Klarheit schauen. 20 Jahre sind seit seinem Scheiden von Breitscheid verflossen. Sein damals bisweilen noch etwas schonungslos überschäumender Dichterdrang ist mit ein.. abgeklärt, alles verstehend. Innigkeit verschmelzen, ohne jedoch etwas von seiner Natürlichkeit eingebüßt zu haben. - Es ist wohl eine innere Dankespflicht des Dichters gewesen, die ihn getrieben hat, sich im Geiste noch einmal in den Bannkreis der herb. Westerwaldnatur und ihre schlicht, derben Menschen zu versetzen und sich von der dort gespürten Urkraft durchströ. zu lassen, die in ihm einst den Dichter erwartete. - Breitscheid wird hier "Wildendorn genannt, Schönbach ist "Hasselbach". "Hirsekorn ist Pfarrer selbst in seiner offenen Menschlichkeit, der nichts sein wollte, als ein Wegweiser zu edlerem Menschentum. - Bei der Würdigung der Werke Philippes dürfen wir niemals außer acht lassen: Philippi ist eine Künstlernatur, der es widerstreben würde, wie eine photogr. Kamera die Dinge und Geschehnisse mit haarscharfer Genauigkeit in ihrer verwirrenden Vielfältigkeit nachzubilden. Der Künstler will nur das Charakteristische und Bedeutende wirkungsvoll mit wuchtigen Strichen herausarbeiten, Licht und Schatten bis ins Übernatürliche verstärken, um den Alltagsmenschen innerlich aufzurütteln und in ihm die Gedanken und Gefühle zu wecken, die ihn selbst zu künstlerischem Ausdruck antrieben. Gewiß haben pfarramtliche Rücksichten dem freien Künstlertriebe Philippes Fesseln angelegt. In der befreienden "Wäller Luft" und unter seinen von Zivilisation noch wenig übertünchten offenherzigen Bauern hat Philippi dieser Fesseln wohl noch am wenigsten geachtet - wie seine ersten Bücher beweisen. Vom Standpunkt des Chronisten aus gewertet, aber kann die Erzählung "Math. Hirsekorn" als diejenige bezeichnet werden, die den Dichter selbst und seine Breitscheider am besten der Wirklichkeit entsprechend schildert.) Trotzdem ist auch dies Büchlein nicht ganz "wahrhaftige Chronika". Überm Hinschreiben hat Philippi das bekannte Rößlein wieder nicht immer zügeln können. K


(Lassen wir nun Philippi selbst das Wort! Hasselbach = Schönbach, Wildendorn = Breitscheid. - Philippi war von seiner Heimatgemeinde Wiesbaden als Hilfsprediger erbeten worden. Der Gen. = Sup. riet zu einer Landstelle) "Erleben Sie erst etwas, und dann kommen Sie als gewachsener Mann wieder, wenn Sie noch wollen"... Wildendorn. "Gehen Sie dorthin!" "Das wird für Sie etwas sein!" - "Wildendorn, ich sah ein Dörflein irgendwo. Auf das fuhr ich zu wie der Wind. Wir gehörten künftig zusammen. - Das Hochland war als nassauisches Sibirien verschrien. Dort war dreivierteljahr Winter. - Ich suchte meinen neuen Dekan auf...Die Wildendorner bekamen kein gutes geistliches Schulzeugnis. "Es ist heißer Boden! Vorsicht, höchste Vorsicht ist am Platz"... Das Schifflein der Kirche lavierte zwischen den Klippen der Sektiererei. Kritik an "Gottes Wort" vertrug das Völklein dort oben nicht... Als ich mich als Schüler von Hermann und Harnack bekannte, den Altmeistern der neueren Theologie, beschwor mich der Dekan mit hochgezogenen Augenbrauen: "Das lassen Sie ganz hinten im Sack!" - Ich nahm den Stab und wanderte ins Hochland über manch. Hub und Stieg, an Schwarztannen und struppigen Wacholdern vorüber bis auf die Hochheide... Die hohe Heide konnte Umschau halten bis zu den blauen Hinterlandsbergen und behielt nichts "im Sack"... Ich war in eine fremde eigne Welt gestellt. (Philippis Einzug hier mit seiner jungen Frau siehe S. 207!) - Zunächst waren wir in den Flitterwochen und hatten uns die schönste Sommerfrische ausgesucht. Vom Pfarrhaus sahen wir stundenweit in die blauen Berge, und vor meinem Fenster stand eine mächtige Schwarztanne, durch deren Gehänge das reine Luftmeer rieselte. Allenthalben diese taufrische Farbenpracht! Der Westerwald trug durchaus Hochgebirgscharakter. Der Himmel tropfte vor geläuterter Bläue. Die Sonne lachte silberhell am Morgen. Am Mittag siegelte die Ernteglut unhörbar und füllte die weite Himmelsglocke, und am Abend sang die Sonne mütterlich ihren rotgoldnen Erntesegen ins Herdengeläute, wenn das Vieh von der Hub ins Dorf brüllte. - Das Lied war neu und stark, und unsre jungen Herzen bimmelten mit. Neben uns ging türein und -aus, in den Wald und auf die Heide glückverheißendes Gelingen. ... An einem Regentag blickte uns aus Himmel und Heide vorbedeutend ein verrunzeltes Sorgenantlitz an voll ursprunghafter Schwermut. - So überschwänglich und unmittelbar in Herbigkeit des Leides und in lauter Frohsinn hatte sich mir die Natur noch nicht gezeigt. Himmel und Erde waren hier unberührt, wie von Uranfang unter sich und stürmten auf den Menschen überraschend ein, daß ich wie benommen war. - Ich war wie die Mücke im Fliegenglas, die überall an glashelle Wände stieß.

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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