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Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 364

Fritz Philippi
(Im Schneesturm auf dem Heimweg ergriff es auch Philippi), daß Gott selber, als allen Lebens Leben der allmächtige "Ich bin" ohne Anfang und ohne Ende sei: "Du bist mitten in dem allgegenwärtigen "Ich bin", welches das Weltgeheimnis ist. Du bist in Gottes Hand gefallen". (An anderer Stelle bekennt Philippi: ) Als Mensch unter seines gleichen kein Hehler zu sein, kostete einen gewaltsamen Ruck. Ohne den Westerwald hätte ich es kaum gelernt. (In dieser Zeit des Ringens um sein wahres Selbst entstand auch sein schönes Gedicht: " Daß ich nicht bin, was ich bin!":

Du Baum, wie wächst du so hochgemut!
Du Stein am Weg, wie hast du's so gut!
Du bist, was du bist!
Ich lebe und trage ein Menschgesicht.
Und im Innern den Riß, den sieht man nicht:
Ein Mensch... und doch nicht Mensch! -
Gott = Vater, mach mich zum Baum oder Stein!
Oder mach mich zum Menschen!
Nur ende die Pein, daß ich nicht bin, was ich bin.)

- Ihrer geistigen Artung nach wohnten zwei Sippschaften im Dorf: Gottes- und Weltkinder; Auserwählte und Ruchlose! Wenn ich Sonntagsabends durchs Dorf ging, sang es aus allen 4 Ecken... Der Sang war meilenweit voneinander geschieden und stritt doch wider einander. Am Gemeindehaus sang mir ins eine Ohr die Ruchlosigkeit, ins andere die Gottseligkeit. Beide aber mit gleicher Stärke und Inbrunst auf ihre Art. Hier die Herberge der Gottseligkeit, dort des Teufels Lusthaus! - In der "Versomling" ... wurde dem Himmelreich gedient... Zu gleicher Zeit tagte im Wirtshaus ... die Saufbruderschaft der Gottlosen. Burschen und gelle Mädchenstimmen wüsteten auf die Gasse hinaus... Kein Mittelweg!... Immer nur "aut or naut!" Wirtshausbruder oder Herrnbruder. ..Den Auserwählten stand ihre Absonderung von den Ungläubigen obenan... Der Wildendorner Trotz mußte bei sich beharren, geistlich oder gottlos, wie die Moosflechte am Fels. - Seit meinem neuen Lebensanfang (siehe oben!) sah ich auf die gottseligen Herbergsleute nicht mehr herab... Mir kam der Vergleich in den Sinn, daß ich an der selben geistlichen Nabelschnur gehangen habe und spürte mit ihnen, die gleiche Blutwärme, trotzdem wir in zwei verschiedenen Welten dachten. Sie gehorchten doch mit tiefem Ernst dem Gott, den sie begriffen, auch wenn sie töricht handelten. Von ungefähr kam ich dazu, als vor Uhls Haus ein Schwein gemetzt wurde. Die rote Blutlache färbte weithin den Schnee; denn das Blut wurde nicht, wie üblich in der Pfanne aufgefangen. In Gottes Wort stand geschrieben: "Enthaltet euch vom Blut und vom Erstickten!" Nun konnte ich mir als geistlichen Schulmeister den Mund nicht verbieten und belehrte den Uhl (=L... Langer (F)), daß das Verbot nur eine zeitliche Abmachung gewesen sei mit dem Heidenapostel aus Rücksicht auf die Speisegesetzt der Judenchristen, die aus dem Blut sich keine Speise bereiten durften. Jetzt aber gelte: "Nicht, was durch den Mund eingeht, verunreinigt den Menschen". Ich war meiner Überlegenheit sicher. Aber der Uhls Roter antw. unbewegl. : "Ich kann lesen! Was geschrieben steht, steht geschrieben!"... Der Uhl war wie geschlossener Fels im Anker. Seine Ehrfurcht vor Gottes Wort machte keinen Unterschied vom ersten bis zum letzten Buchstaben. - Darum war die Kirche verachtet, weil sie mit der Welt Handelsgeschäfte machte. - Umschichtig wurde durch die Abgesonderten der Trotz der Kirchentreuen hochgeschafft, denen die Kirche ihrer aller Stammhaus war. -

(Schade, daß uns der Raum hier Beschränkungen auferlegt. Die folgenden Kapitel lassen uns ein Ehe- und Familienglück voll zarter Innigkeit und feinem geistlichen Verstehen schauen. Auch mit den Dorfleuten kommt Philippi trotz überspitzter "Gottseligkeit" und wilder "Rauhbeinigkeit" immer mehr zu einem freundschaftlichem Verhältnis. Das Pfarrhaus wird zu einer Stätte hoher, edler Menschlichkeit. Im Kreise seiner Familie und auf der hohen Heide kann Hirsekorn seine pfarramtliche Gebundenheit ablegen und ganz Mensch sein. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.") - In der schrankenlosen Weite kamen Himmel und Erde zum lautlosen Zusammenspiel übereins wie Aus- und Einatmen. Frauchen und ich gingen mit Vorliebe barfuß auf der Heide, weil uns die Berührung mit der Muttererde zum Bedürfnis wurde. Im Dort trugen wir Sandalen, aber keine Strümpfe. Als "Moldrüffchen" (sein schwarzhaariges älteres Mädchen) ein kleines Läuferchen war, quälte es die Mutter, auch mit "barfüße Füß" herumtrippeln zu dürfen. Dadurch wurde unser Geheimnis dorfbekannt. Das Wildendorner Verständnis vom Wohlanständigen und Würdevollen nahm Anstoß... Wir waren "Naturmenschen" und wollten nicht steif und zopfrig uns gehaben wie alles, was etwas bedeutete im Dorf. Stoffels Mine... ließ vor Staunen fast den Rechen aus der Hand fallen, als sie Pärrnerschleut mit "bläcke Füß" über die Heide lustwandeln sah. Sie dachte sich an unserer Stelle und fühlte sich in Lebensgefahr...: "Ach du, ach du! Da maant a(i)ch grod, a(i)ch ging verspillt!" - (Wie der Dichter in Philippi erwachte.) Wie eng, aber wie lebensvoll ausgewurzelt war die Wildendorner Welt!... Meine Leute waren mein Bilderbuch. Immer gabs etwas aufzulesen für meine Botanisiertrommel oder den "Paffesack, der su deif es wey de Höll!"... Ich botanisierte im Dorf herum und fand überall seltsames Eigengewächs und lernte manch krausen Auswuchs an Gottseligen und Gottlosen verstehen.... Meine sprachlose Umwelt war ins Reden gekommen und hielt mir beim Begegnen nach Wildendorner Höflichkeit die Ansprache. Auch das Dorf war ein redender Mund uns gegenüber. Meine Leute ließen ab, sich noch mit Schuldeutsch Zwang anzutun. Auf mich wirkte diese ununterbrochene Ansprache (von Natur und Menschen) so stark, daß ich sie auf meiner Stube fortsetzte. Jeder Klang jedes


F) Liche Jörge = Langer (Wilhelm Kolb in Kunze Haus)

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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