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Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 365

Wortbild prägte sich ungewollt, aber peinlich genau meinem Gedächtnis ein. Ich führte schon laute Selbstgespräche, daß Frauchen sich wunderte, wen ich bei mir habe. In der Übung meines Unterhaltungs- und Nachahmungstriebes verwob sich traumartiges und wirkliches Erleben und schuf einen seltsamen Zwischenzustand, der mich anfüllte. Zumal in der Natur lebte ich mich ein wie ein Weib in des Mannes Lust und Sorge. In mir spiegelte sich die Inbrunst der Heide, die sich grenzenlos sehnsüchtig himmelwärts streckte, bis in seliger Versunkenheit Himmel und Land Hochzeit feierten zur Zeit der Heideblüte und ich mit Bienen und Käfern in den Bund der Lebensgemeinschaft aufgenommen wurde... Ich schlürfte einen Zaubertrank und atmete allenthalben das Lebendige wie Gottes Nähe... Von solcher Überlebendigkeit war ich umgeben. Sie drang durch alle Poren in mich ein und hatte nicht Platz in mir. Da sprach Frauchen eines Tages in meiner Stube, während Spitz Zottelohr hinterm Ofen hervorkam und die Tanne mit dem Gehänge ihr zustimmte: "Mathias, entweder nimmst du es mit der Wahrheit nicht genau, oder es steckt ein Dichter in dir".... Frauchen hatte meinen Zustand in mir entdeckt... Es drängte etwas in mir, das schuf mir Pein, weil es eingesperrt blieb. -

(Wie Philippis erstes Buch aufgenommen wurde.) Mit dem bunten Herbstlaub trat mein erstes Büchlein (Haselbach und Wildendorn) seine Weltreise an. Niemand im Dorf wußte etwas davon. Ich hatte eine dunkle Ahnung, daß meine Wildendorner weder Hochachtung noch Verständnis für mein Geschreibsel hätten. - Die Welt versank immer tiefer in des Winters Gewalt. Immer abgründiger senkte sich nach Sturmnächten die Stille himmelab... Allwinters wurde im Dorf eine Zeitung erdichtet, je gruslicher, umso lieber. In der Herberge der Gottseligkeit wurde der Weltuntergang prophezeit, weil jedesmal endgültig alle Zeichen aus der Offenbarung des Joh. klar erfüllt waren... Da wurde es im Dorf bekannt - mein erstes Buch. Jetzt hatten meine Leute die ausgesuchte Neuigkeit, danach sie verlänglich waren. Als das Buch ins Dorf der langen Dächer kam, war von Stund an zwischen mir und meinen Leuten Weg und Straße abgebrochen. Die Wildendorner schlangen mein Buch in sich hinein. Als es ihnen aber einverleibt war, rumorte es in ihnen. Sie konntens nicht verdauen... Sie saßen zusammen, und einer las vor. Und saßen bis zum Morgengrauen auf und wurden nicht fertig. Denn nun erst kam das richtige Rätselraten auf: "Wen hat er damit gemeint?" Wer das Buch noch nicht gelesen hatte, sondern nur sein Widerhall hörte, wußte am meisten zu erzählen, was für Schandtaten darin verzeichnet waren. Der Bürgermeister habe sich vollgesoffen am Gemeindenutzen: Wer die Hand am Striche (Euter) hat, melkt die Kuh pp. "Us Pärrner.?! Das erre (ist er) bet sei'm wahrhaftige Gesicht!" Er ist einer von der hintersten Sorte, die mit Hohn und Spott ausbreiten, was ihnen gläubig anvertraut wurde von Mund zu Mund. Die er sich vorgenommen hat, hat er aufs Brett gesetzt wie frischen Käs an die Sonne. Sogar die Wildendorner Sprache hat er nachgemacht, damit die ganze Welt "dicke brare Läch tun soll pp. - Ich hatte mein unschuldiges Büchlein in den Händen und fragte: Wie hast du dich verändert, daß ich dich nicht wiederkenne?... Ich, dein geistiger Vater, weiß, welchem Willen du dein Dasein verdankst: Es ist die Liebe und der Dank für die zweite Heimat. Wie der Vogel sein Nest baut, habe ich da und dort einen Halm aufgelesen und anderswoher ein Fläumchen dazugetragen. Ich habe überm Schreiben mir Zwang angetan, daß niemand im Dorf sich verletzt fühlen darf. Der Hasselbächer (Encke) hat recht; er hat jüngst, als ich im Übermut rühmte, daß ich meine Leute kenne wie meinen eignen Hosensack, den Kopf geschüttelt: "Und wenn du hundert Jahre mit ihnen zusammenlebst, wirst du gewahr werden, daß du um ein Jahrhundert von ihnen getrennt bist durch deine Bildung". (Du bleibst einsam unter ihnen). Weit, weit auseinander waren Hirte und Herde im Nebel auf wegloser Heide... Ein ungeheures Leid der Fremdheit wider Willen. Ich sah (schließlich doch): die Wildendorner konnten nicht anders, sie mußten ihren dichtenden Pfarrer mißverstehen. Der war wie ihr Gott eine große Furcht und fiel ihnen ein wie ihr böses Gewissen unter dem Spruch schwerer Bibelworte. Wie konnten sie einen Pfarrer annehmen, der nichts sein wollte als jedermanns Menschenbruder; einen, der seine Freude hatte an ihren verschrobenen Sonderheiten? Der gar ein Hausnarr war und ein Dichter auf dem Lügengaul! Kreuzige! Kreuzige ihn! (Am Sonntag drauf wollte niemand zu dem Pfarrer in die Kirche gehen, und doch war jeder neugierig, zu sehen, wie wenig Leute, drin waren, auch hofften sie den Pfarrer als zerknirschten Sünder zu sehen, und siehe - die Kirche war voll! "Hau sär e' aut!" Aber er sagte kein Wort von der Sache. Die Leute mochten aber doch während der Predigt herausgefühlt haben, daß sie ihren Pfarrer besser verstehen müßten. Sie hatten vor sich einen Mann, von seltener Begabung und geistiger Größe. Und wirklich, mit der Zeit legte sich die Erbitterung wieder, und man nahm seinen Dichterdrang als etwas Unabänderliches hin). "Er hots su o' sich!" (Wie sehr Philippi über der Sache stand, zeigte sich darin, daß er seinen Leuten nichts nachtrug. Er stellt ihnen sogar am Schlusse seines Büchleins folgendes schöne Zeugnis aus: ) Die Wildendorner sind wie die Eichenstrünke, die nicht leicht Feuer fangen, aber die Glut halten. So ist es bis heute! (1924) Dort oben bei den Wolken wird ein Mensch nicht so schnell vergessen wie ein Handwerksbursche im Niederland. - Ich bin doch nicht vergeblich im Hochland gewesen. Ich habe dort sieben Jahre wie Jakob um Rahel gedient um meine Menschwerdung, und ich habe viel zu danken!

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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