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Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 397

Ein Beitrag zur Geschichte des Pietismus.

Als der Frankfurter Pfarrer Philipp Jakob Spener, der Begründer des deutschen Pietismus (von pietas = Frömmigkeit), sein Schriftchen: "Pia desideria (fromme Wünsche), oder herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche", 1675 in die deutschen Lande gehen ließ, da rief es eine gewaltige Bewegung hervor. In vielen Teilen Deutschlands setzte man sich mit der neuen Glaubensrichtung auseinander. Auch in unserer Heimat brodelte und gärte es um 1700 mächtig. Herborn war der Mittelpunkt der Bewegung, die so krasse Formen annahm, daß sie kirchengeschichtlich unter den "Entartungen des Pietismus" gebucht wird. Sie ging von dem Professor an der Hohen Schule, Heinrich Horche, aus, der vorher Prediger in Frankfurt gewesen und dort von Spener stark beeinflußt worden war. Horche empfand die Schäden der Kirche tief und erstrebte sehnsüchtig eine Erneuerung des Glaubenslebens. Er richtete nach Speners Vorbild Bibelstunden in kleinen Kreisen ein und gewann durch seine Hingabe an die Sache viele Anhänger. Aber in seinem Charakter lagen die Keime des Misslingens seines Werkes. Es fehlte ihm die nötige Besonnenheit und Selbstbeherrschung. Bei seiner heftigen Gemütsart ließ er sich zu Beschimpfungen der Kirche und zu schweren persönlichen Beleidigungen ("vielen grausamen Schelt- und Lästerworten") hinreißen. Auch war er ein Schwärmer und manchem Wahne ergeben. Seine Träume und Gesichte, Erzeugnisse seiner erregten Phantasie, hielt er für göttliche Offenbarungen, weissagte für Herborn, daß bald das Gericht über die Stadt hereinbrechen werde wie über Heidelberg (das 1688 zerstört worden war), predigte auf der Kanzel, daß in 3 Jahren der jüngste Tag kommen werde pp. Es kam mit Horche, wie es zu seiner Zeit kommen mußte: Fürst Heinrich, duldsam und friedlich gesinnt, der den sonst gelehrten und fähigen Mann gern gehalten hätte, gab schließlich, um sein Land vor Spaltungen und weiteren Erschütterungen zu bewahren, dem Drängen des Senats der Hohen Schule nach, setzte Horche im Frühjahre 1698 ab und verwies ihn des Landes. Es kam darüber zu Unruhen in Herborn, und bei seinem Auszuge wurde Horche von vielen seiner Anhänger feierlich begleitet. So war nun die Bewegung in die Absonderung von der Kirche gedrängt worden. Horche zog predigend umher, "Wie einer der ersten Christen, langbärtig, im braunen Kittel, wandelte er, von begeisterten Jüngern umgeben, dahin". Der Vertriebene kehrte noch mehrmals nach Herborn zurück und hatte jedesmal wieder großen Zulauf. "Zuweilen soll er auf öffentlichem Markte vor 200 Personen gepredigt haben". "Die separatistische Bewegung schien die Dämme aller kirchlichen Ordnung zu durchbrechen." Die Versammlungen wurden bei Strafe verboten. Rat und Bürgerschaft richteten eine bewegliche Bittschrift an den Landesherrn, er möge ihnen die Gewissensfreiheit gönnen, sich Horches Unterricht aus Gotte Wort ferner bedienen zu dürfen. Der Fürst war zu einem gewissen Entgegenkommen bereit, doch kam es nicht zu einem Ausgleich und zu einer Wiederaufnahme Horches in die reformierte Kirche; die theologische Fakultät zu Marburg riet ab. Bei seinem letzten kurzen Aufenthalte in Herborn, Juli 1700, hat man Horche "allda 2 Schildwachten vor die Thür stellen lassen, so ihn bewahren und Achtung geben müssen, daß niemand zu ihm kommen möge." Infolge der vielen Aufregungen war aus dem mutigen Kämpfer allmählich ein gebrochener Mann geworden; doch blieb er bis an sein Ende (1729) seiner Überzeugung treu, daß das erstarrte Kirchentum der Erneuerung bedürfe. Daß Horche in einer Annwandlung von Schwäche im

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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Eine Gesellschaft hat keine Zukunft, wenn sie sich nicht an die Vergangenheit erinnert.
zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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