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Die Ortschronik von Reinhard Kuhlmann - Seite 423

Ein Brief der Witwe Fritz Philippis an den Chronisten.

(Vorbemerkung. In der Gewißheit, daß mir niemand besser über Philippi Auskunft geben könnte als seine Lebensgefährtin, hatte ich mich mit einigen Fragen an seine Witwe gewandt, die sie mir bereitwillig auch gegeben hat, damit, wie sie selbst schreibt, "nichts Irreführendes in die Chronik kommt". Ich hoffe keinen Vertrauensbruch damit zu begehen, wenn ich ihren Brief hier im Auszug bringe.)

Wiesbaden, d. 8.11.35. Lieber Herr Kuhlmann!
..... "Hasselbach und Wildendorn" ist 1902 gedruckt worden... Während unseres Wohnens in Breitscheid waren die mir jetzt noch erinnerlichen "Evangelisten" der "Bratscheder Willem" (Weber) und der "Kappeschneider" aus Herwen, außerdem "Boten" des Herborner , Dillenburger Erziehungsvereins. Natürlich kam meinem Mann die Schilderung der "Lohnprediger" daher, daß diese Herren die Pfarrer so nannten, weil sie einen "Lohn" bekamen. Sie führten immer den falsch ausgelegten Spruch im Mund: "Umsonst habt ihr empfangen" pp. Daß die Herren wochenlang den Bauern im Futter saßen, und nachher noch große Ranzen voll Nahrungsmittel mitnahmen, war ja kein Lohn, daß so was den jungen pflichteifrigen Pfarrer schwer ärgern mußte, ist begreiflich.
- Die Trübung des Verhältnisses zur Gemeinde war nur sehr kurz und auch nur teilweise. Viele waren ihm trotzdem unentwegt treu. Wenn das Buch nicht durch den damaligen Inhaber oder 1. Verkäufer des Kolportage-Vereins (jetzt Oranien-Verlag), dem mein Mann nicht fromm genug war, mit Absicht einigen Breitscheider Leuten mitgegeben worden wäre und es nicht im Winter war, wo sie die viele Zeit hatten, hätte kein Hahn danach gekräht. (?) Wo sich die Lehrer die Mühe machten, das Buch selbst den Leuten zu erklären und nahe zu bringen, wie besonders in Rabenscheid, auch in Medenbach, gabs überhaupt keine Empörung.
- Dr. Heber (Direktor d. Fabrik) kam im Jahr 1899. Natürlich fing Dr. Schick´s Wut an, als wir diesen Freunden die Treue hielten. Das ist aber in "Weiße Erde" ganz wie in Wirklichkeit erzählt. Die Steinwerferei durch das Fenster in meines Mannes Studierstube kam auch durch eine Kreatur des Dr. Sch., hing nicht mit den Büchern zusammen. Es flog ein ganz dicker Stein, der einen hätte töten können, in die Sofaecke am Fenster, und ein 2. bis hinter den Ofen...
- Aus dem Gottesdienst blieb niemand, (?der "Hinkelsgriffer" doch! K.), im Gegenteil, sie kamen noch in größeren Haufen, weil sie sich sagten: "Hau' sär ´e aut!" Das hat mein Mann auch ganz wahrheitsgemäß erzählt. Die "Frommen" waren seine treuesten Kirchgänger bis zuletzt. Es ist niemand in all der Zeit ausgetreten, im Gegenteil! Er hat verschiedene getauft. Daß die Versammlungsleute aus der Kirche blieben, kam erst unter Pfarrer Weyel (1912). Während meines Mannes Amtszeit war der Kirchenbesuch immer glänzend. Was glauben Sie, daß ihn das Konsistorium in W. dort gelassen hätte, das ihm nie "grün" war, - wenn bei ihm das Gemeindeleben nachgelassen hätte?!...
- Das "Ding" das an der großen Fichte neben der Molkerei festgesteckt und das ihm der Polizeidiener Keßler brachte - der es verfasst hatte (Hrch. D., gebürtig von Medenbach, einer aus der Versamml. K.), fühlte sich getroffen durch irgend was. Es (das Gedicht) war aber in Wirklichkeit nicht so gut wie das im "Hirsekorn". Ihm ins Gesicht was zu klagen, wagte ja keiner, es ging alles hinten rum. Aber uns wirklich was anzutun, selbst in der Dunkelheit, hat doch niemand gewagt. Wie gesagt, der Zorn war auch bald verraucht.
- Dr. Hebers (in W.E.: Karst) gingen schon offiziell im Jahr 1900 wieder weg, hielten aber noch ihre Wohnung. (* Dr. Heber (Karst) wohnte unten in der Schule, in der Dienstwohnung des Lehrers Kegel, der im Hause seines Schwiegervaters wohnte.) und erschienen selten mal wieder gz. kurz nach einer längeren Abwesenheit. Sch. behielt seine Wut umsomehr, als er ja in der Verklagsache verurteilt wurde. Er hatte ja die Anklagen, (gegen Philippi) die er an den Dekan schickte, sämtliches aus der Luft gegriffen... Sch. hatte so 13 Klagepunkte aus der Luft geholt. Daraufhin wurde er vom Staatsanwalt auf Veranlassung des Konsistoriums wegen Verleumdung des Pfarrers im Amt verklagt und verurteilt. ... Unser Dortsein wurde durch die Feindschaft des Sch. uns ja schließlich vergällt. Er hatte das halbe, ja allmählich fast das ganze Dorf in Abhängigkeit und rächte sich an den Leuten, die zu ihrem Pfarrer hielten. Mein Mann hielt sich dann soviel wie möglich den Leuten zulieb zurück. Aber man mußte ja schließlich vor der Rachsucht dieses Mannes Angst kriegen. Als dann mein Mann in seine alte Gemeinde in Diez gewählt werden sollte, griff er zu, zumal die Kinder größer wurden und ja allmählich auch in höhere Schulen sollten.

(Fortsetzung des Briefes aus Seite 424)
Seine Zeit da oben war wohl abgelaufen, und es sollte eine neue Epoche beginnen (Zuchthauserleben). Wie schwer uns der Abschied wurde, wissen Sie; wir waren verwurzelt dort. Mir war Breitscheid eine erste, wahre Heimat geworden. Ich litt namenlos an Heimweh in Diez, trotzdem ich in Limburg geboren und meine Jugendzeit dort verlebt hatte... Mein Mann hat sein Verbundensein mit Breitscheid in der Skizze "Als ich meinem Schatten nachging" (In dem Buche "Von der Erde und vom Menschen") deutlich zum Ausdruck gebracht... Mir schenkte er in einem kleinen von ihm mit einer Westerwälder Landschaft bemalten Album mit Breitscheider Photos auch ein Gedicht: "Erinnerung hat ein Recht, doch nicht das erste Recht. Das erste hat die Gegenwart voraus pp."
- Wie sehr ich immer und unentwegt an den Menschen und der Landschaft da oben hänge, möchten Sie mir glauben. Die Westerwälder Art und die Treue und Anhänglichkeit, die die Freunde dort uns bewahrten, die weiß ich immer in großer Dankbarkeit zu schätzen. Daß das Schicksal mich hier so anbindet bei den nächsten Pflichten, daß ich nicht mal jedes Jahr zu Ihnen hinaufkommen kann, das ist mir manchmal bitter... Ich denke immer an die liebe, alte Heimat... Eine letzte Aufnahme meines Mannes lege ich Ihnen bei...

Nun seien Sie herzlich und in alter Freundschaft gegrüßt von Ihrer
Elisabeth Philippi.

(Der Steinwerfer (siehe vorige Seite!) war ein Schulkamerad von mir; er hat die Tat offenbar aus Dummheit und Übermut vollbracht und hat noch mehrere solcher Lausbubenstreiche auf dem Gewissen. Philippi nahm sie auch nicht allzuschwer und hat den Burschen laufen lassen.)

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von Kornelia Pelz übersetzt

 

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Eine Gesellschaft hat keine Zukunft, wenn sie sich nicht an die Vergangenheit erinnert.
zitiert aus dem "Herborner Tageblatt"

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